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Damals in Prag .. oder wie ich erstmal mich selbst finden musste

Es fühlt sich an als wäre es schon ewig lange her und irgendwie sehe ich mich an diesen Tagen als eher unangenehmen Zeitgenossen. Ich befand mich mitten im Prozeß zu meinem Buch "Loved and Lost"  und hatte Ambitionen einige besonders tolle Fotografien in Prag zu machen. Es stimmte ja alles: Wir hatten 4 Tage Zeit, wir hatten mit Sofa und Julia 2 tolle Modelle aus Berlin mitgenommen, ich hatte meine weltbeste Ehefrau an meiner Seite und wir hatten eben Prag. Diese tolle, wunderschöne Stadt mit all Ihren widersprüchlichen und doch homogen wirkenden Gegensätzen. 

Aber da war dann ja noch Ich. Vollgepackt mit Ambitionen und Erwartungen. Direkt am ersten Tag wollte ich das tun was ich immer zu tun gedenke: die besten Bilder machen die mir bis zu diesem Zeitpunkt gelungen sind. Also Kamera gesattelt, Modelle aufgescheucht und ab in die schöne Prager Altstadt die ich noch gut vom letzen Besuch in Erinnerung hatte. Aber es wollte sich einfach nichts zeigen was gut genug war um fotografiert zu werden. Irgendwas störte mich immer: entweder waren zu viele Touristen im Bild, das Licht war nicht so wie ich wollte, oder die Situation entsprach nicht dem was ich als würdig empfand ... eigentlich habe ich keine Ahnung was damals genau los war. ich weiss nur: ich wollte zu viel und nichts war gut genug. In mir stieg der Unzufriedensheitspegel dramatisch an und ich ärgerte mich über alles. Am Ende am meisten über mich selber. Was zum Teufel stimmt nicht mit dir Dan ? 

Ich versuchte es mir nichts anmerken zu lassen. Natürlich hoffnungslos wenn der Mensch dabei ist der mich am besten kennt: meine (heutige) Frau. Ich lenkte ab "ach nö, is nix" oder "ich überlege nur" oder - nach wiederholendem nachfragen von Leo - " lass mich, wird gleich schon" 

Zugegeben. Das ständige nachfragen von Leo empfand ich in der Situation mehr als nervig, und brachte nur noch mehr in Unzufriedenheit. Und ich hätte es wissen müssen: schliesslich kenne ich Leo genauso gut wie sie mich: natürlich hörte sich nicht auf nachzufragen - und da schoß es aus mir raus "Ich bin total unzufrieden, nichts stimmt, alles ist scheisse . Licht, Touristen, Bäähhhh"

So, jetzt wars es raus. Ich war im Begriff grandios zu scheitern bei diesem Trip den wir von langer Hand geplant hatten und der als fester Bestandteil zu "Loved and Lost" eingeplant war. 

Leo hatte einen tollen Ratschlag: "Mach doch mal einfach" - Super Idee. Wenn nix stimmt ? Ich hab dann einfach gemacht und die Bilder waren Müll. Keines der Bilder vom ersten Tag habe ich je veröffentlicht. 

Gefrustet und hungrig obendrein (ganz schlimmer Zustand der mich mittlerweile richtig aus der Bahn werfen kann) ging es zurück zum Hotel. Und nachdem ich endlich etwas im Magen hatte und im Hotel zur Ruhe kam fing ich auch an zu reflektieren... was zum Teufel ist denn hier heute schiefgelaufen ? Nach einigem inneren hin,- und her blieb mir nur ein Schluß: Ich war es. Ich alleine. Meine überhöhten Ambitionen, meine innere Unzufriedenheit .. alles andere stimmte ja. 

Nur die Ruhe Dan. Du hast noch 3 Tage... 3 Tage nur noch ?? Den ersten hatte ich ja verschenkt, was ist wenn ich noch einen weiteren verschenke ? Dann sind es nur ich 2  ! Kreative Panik dürfte wohl den Zustand am besten beschreiben in dem ich mich befand. 

Und dann tat ich zum ersten mal an diesem Tag das richtige. Wenn ich doch jetzt weiss woran es lag, wie kann ich das ändern ? Ich habe mir fest vorgenommen die anderen Tage ruhig anzugehen. Es kommt wie es kommt, ich werd schon das richtige entdecken. Und wenn nicht alles bei 100% liegt.. who cares ? Das tut es doch nie ! Leo hatte also irgendwie recht: Mach doch einfach.

Und das tat ich dann an den folgenden drei Tagen. Ich habe letztendlich gar nicht viel fotografiert  sondern mich mehr dem Flair der Stadt hingegeben und eine gute Zeit mit Leo, Sofa und Julia gehabt. Mich nicht mehr so unter Druck gesetzt und "einfach gemacht" . 

Fazit: der erste Tag war keineswegs "Verschenkt" . Im Gegenteil. Daraus konnte ich einiges über mich selber lernen und wenn ich in Zukunft wieder in so eine Situation geraten sollte weiss ich damit besser umzugehen. Und ich habe das Wissen das ich es in der Hand habe etwas zu ändern und am Ende die Fotos machen kann die ich machen möchte. Die Situationen in den folgenden Tagen waren nicht anders. Das Licht war dasselbe und es rannten immer noch überall Touristen rum. Aber ich habe zu meiner Ruhe gefunden und habe das gemacht worauf ich mich vorbereitet habe: Fotos wie diese....

 

Daniel Lauber